Silhouette

Seit fast einem Jahr schon sehe ich diese Frau täglich und um die selbe Zeit. Meist während ich nach meinem Mittagessen einen Kaffee im Lokal auf der gegenüberliegenden Strassenseite zu mir nehme, um etwas Kraft für die letzten vier Stunden meines Arbeitstages zu tanken.
Es war das Tempo der Frau, das mich auf sie aufmerksam machte. Im zügigen Schritt der Großstadt, in dem Beine wie Metronome schwingen, hob der Rhytmus ihrer kurzen, steifen Schritte sie auf unscheinbare Weise hervor.
Jeden Mittag um die selbe Zeit fährt sie ihren Kinderwagen auf dem Bürgersteig dieser belebten Strasse spazieren. Mit gemächlicher, fast schon apathischer Ruhe schiebt sie das Gestell durch die vorbeirauschenden Passanten. Sie macht dabei nicht die geringste Anstalt auszuweichen. Mit ausdrucksloser Miene und gleichmäßigem Schritt bahnt sie sich ihren kerzengeraden Weg durch das Chaos der Großstadt. Es scheint, als würde die Unübersichtlichkeit, die Dynamik dieses Ortes sie nicht berühren. Ihr starrer Blick zeigt keine Regung. Von Zeit zu Zeit bewegen sich ihre Lippen, doch die fehlnde Fixierung in ihrem Blick gibt keinen Aufschluss darüber, zu wem sie spricht.
Aber es gibt auch gute Tage. Man erkennt sie daran, dass sie allen und allem in ihrer Umgebung in wahnwitziger Euphorie ein paar Worte zuwirft. Sie lächelt unentwegt in unglaublich liebevoller Art und jeder Anflug von Freude entartet sofort in entzücktes Lachen oder überschwenglicher Gestikulierung.
Ihr ungepflegtes Auftreten, dass den Standard, den man von jungen Müttern kennt, mit deutlicher Note überschreitet, und das verstörte und introvertierte Verhalten dieser jungen Frau gibt an manchmal einen Grund ihre Zurechnungsfähigkeit anzuzweifeln.
Sie spaziert etwa sechshundert Meter weit, zwischen der schönen neuen Bäckerei, und dem großen Bürogebäude auf der anderen Straßenseite; vorbei an Eisdielen und Cafés mit gemütlich städtischem Flair. Wenn sie auf dem weiträumigen Platz vor dem Wolkenkratzer angekommen ist, bleibt sie manchmal stehen und starrt für einen Moment in die Leere. Ihre Hände liegen schwach auf der Wagenführung, die verknitterte Kleidung hängt still an ihrem mageren und steifen Körper. Der Blick in ihren Augen durchfliesst die Materie um sie herum, als wäre sie Nichts. Was sie hinter dieser Fassade betrachtet, muss der Inbegriff der Leere sein, denn zu nichts anderem kann ein Mensch sich so gleichgültig verhalten. Mit dem ewig gleichen, zermarternden Blick starrt sie ein riesiges Loch in diesen Moment und manchmal fängt sie sogar an zu weinen.
Eines Tages, als ich spät in meine Mittagspause ging, begegnete ich ihr auf ihrem Spaziergang. Ich sah in ihren Kinderwagen als unsere Wege sich kreuzten. Er war leer.

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2 Kommentare

  1. Geschichte gefällt mir sehr!
    “Beine wie Metronome schwingen” – schön ausgedrückt.
    “Der Blick in ihren Augen durchfliesst” – hat mich ein wenig irritiert… ist aber nur ein Detail 😉

  2. Manchmal möchte man so viel mehr über Menschen wissen, denen man auf der Straße über den Weg läuft, nicht?

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