Deutschland sucht das Supermodel

Heutzutage während den Hauptsendezeiten den Fernseher einzuschalten bietet fast immer den gleichen Anblick. Das täuschend echte Konzept des Reality-TV hat sich in den letzten Jahren einen festen Platz in unserem Fernsehprogramm ergattert.
Direkt aus dem echten Leben gegriffen werden alltäglich wirkende Szenen mit verblüffend interessantem Verlauf gezeigt, wie man sie sonst nur „aus dem Fernsehen kennt“. Die Tücken des Alltags sind den Darstellern ständig auf den Fersen. Unerwartete Wendungen, die hinter einer dunklen Ecke lauern und darauf warten die Situation komplett umzukrempeln; persönliche Krisen, deren Fässer von einem letzten, winzigen Tropfen zum überlaufen gebracht wurde, und nun Flutwellen spucken, die ein ganze Weltbild zu überschwemmen drohen…
Aber ich meine in einer Folge der zweiten Staffel von „Germany's next top model“ die fein säuberlich eingearbeitete Dramaturgie enttarnt zu haben. Skeptisch wurde ich, als eine der Anwärterinnen am Ende der Folge in den bedeutungsschwangeren Raum, in dem die Jury thronte, eintrat und dort von einer erbarmungslosen Heidi Klum empfangen wurde. Nach einer nervenzerreissenden Sekunde, in der die Spannung drohte mich aufzufressen, erwartete ich die altbekannte Ansprache:
Kandidatin X, Heute warst du wieder einmal schlecht, wirklich schlecht.“ Und auf diese Worte hin sieht man alle Hoffnung von dem Gesicht des potentiellen Models schwinden, aber nach einer weiteren, (scheinbar) unmenschlich makaber platzierten Pause kommen die erlösenden Worte, die aufmunternd sagen:
„Aber wieder einmal nicht schlecht genug“, woraufhin die Kandidatin einen Schein für die nächste Show bekommt.
Und ungefähr so lief es auch. Allerdings war es der Dialog, der mich skeptisch werden liess.
Schüchtern betrat die Teilnehmerin den Raum und bleibt in ebensolcher Pose vor Frau Klum stehen. Diese fragte mit freundlicher Bestimmtheit:
„Was ist dein grösster Traum?“
Die Kandidatin, ich kann mich an ihren Namen nicht erinnern, er war so flüchtig wie ihr Ruhm, antwortete nach einer Pause mit zurückhaltender, schwacher Stimme während sie mit den Augen schüchtern zur Decke sah:
„Als Model zu arbeiten.“
Diese Antwort hat Heidi wohl nicht gefallen und ihr Blick wurde furchteinflössend ernst. Mit eindeutig professioneller Autorität sagte sie:
„Was ist dein grösster Traum?“
Und darauf sprang die Kandidatin endlich an, indem sie direkt in Heidis Augen sah und mit überzeugter Haltung sagte:
„Germany's next Top Model zu werden.“
WOW!
Wenn das nicht den fauligen Geruch von Inszenierung trägt.Mir kam beinahe die Kotze.
Aber das ist eine andere Geschichte. Mir geht es hier eigentlich um etwas anderes. Und zwar um andere, viel fragwürdigere Aspekte der Casting-Show.
Von ihren Anfängen im musikalischen Bereich hat sie sich bis heute zu einem grossen Spektrum ausgeweitet. Eine Vielzahl an Positionen mit Starkult sind mittels Casting-Show zu erreichen. Im Gegensatz zu den Schwierigkeiten in den Karrieren von Stars aus vergangenen Jahrzehnten werden diese Positionen heute fast schon verschenkt. Vielleicht macht es den Produzenten keine Probleme mehr eine grosse Anzahl an Stars unter seine Fittiche zu nehmen. Ausserdem waren sie sicher nie so rentabel wie heutzutage.
Des weiteren muss man sagen, dass es eine kluge Vorgehensweise ist, den jeweiligen direkt mit dem potentiellen Publikum in Kontakt zu bringen oder ihn sogar von diesem selbst bestimmen zu lassen. Insofern scheint die Casting-Show, ein ideales Werkzeug zu sein, wenn es darum geht einen Star zu basteln. Da für die Teilnehmer keine Teilnahmebedingungen herrschen, ist die Show für jeden offen und bringt somit die exklusive Welt der Stars direkt zu ihrem Publikum.
Und dieser Aspekt der Show scheint zu wirken.
Bei jeder Staffel von Popstars, Deutschland sucht den Superstar oder Germany's next Topmodel finden sich viele tausende Fans zusammen um ihre heranwachsenden Stars auf dem Weg zum Erfolg zu begleiten. Aus unerfindlichen Gründen aber keinen Schritt weiter.
Denn sobald dieser auserkoren ist, verfliegt der Ruhm sehr schnell wieder. Von all den gecasteten Bands sind die meisten nach einem kurzen Triumphmarsch wieder von der Bildfläche verschwunden. (Habe lange nichts mehr von Mark Medlock gehört)
Ich weiss nicht ob das Konzept hier fehlerhaft ist. Es könnte auch die Idee sein, dass der gesuchte Star im Moment des Sieges für einen Augenblick auf dem Höhepunkt einer solchen Karriere ist und dieses Gefühl in diesem Augenblick geniessen darf, keine Sekunde länger.
Er wird aus seinem „normalen“ Leben mit einem Mal herausgerissen und mit schwindelerregender Geschwindigkeit in jede Menge Trubel geschmissen. Er wird mit so aussergewöhnlichen Ereignissen konfrontiert, wie es sonst nur im Schlaf passiert, wenn die unterbewussten Wünsche zu Verarbeitungszwecken in der Phantasie ausgelebt werden.
Für denjenigen muss es sich auch genauso anfühlen. Ehe er es realisiert ist es vorbei und es bleibt nur ein sehnsüchtiger Hauch davon und das befriedigende Gefühl es einmal erlebt zu haben.

Oha, wir haben uns weit entwickelt von den ursprünglichen Jägern und Sammlern. Heute jagen wir keine Tiere mehr. Wir jagen Träume.
Vom Sammeln ganz zu schweigen… Aber damit beschäftigen wir uns ein anderes Mal.

Vielen Dank
22.10.07

Aktualisiert am

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